In der klassischen Bewegungstherapie liegt der Fokus oft auf Strukturen: Muskeln, Sehnen, Knochen. Doch gerade bei hartnäckigen oder diffusen Beschwerden zeigt sich immer wieder, dass das Nervensystem eine entscheidende Rolle spielt – bei der Entstehung wie beim Abklingen von Schmerzen.
Dieses Fallbeispiel aus meiner Praxis zeigt, wie neurozentriertes Training, gezielte Sinnesreize und Elektrostimulation zusammenwirken können, um einen Heilungsprozess zu begleiten.
Die Ausgangssituation: Fußschmerzen nach Belastung
Nach einer längeren Gehbelastung traten deutliche Schmerzen im Fuß auf, vor allem im Mittelfuß und an der Fußaußenkante. Die ärztliche Abklärung ergab den Verdacht auf ein Knochenmarködem – eine im MRT sichtbare Flüssigkeitsansammlung im Knochen, die häufig als Reaktion auf Überlastung entsteht und mit Belastungsschmerz einhergeht.
Typisch für solche Fälle sind:
- Schmerzen bei Belastung, weniger in Ruhe
- Druckempfindlichkeit im Mittelfuß
- Schonhinken
- teilweise Beschwerden bis ins Knie oder die Hüfte
Warum Schmerz nicht nur ein Strukturproblem ist
Das Knochenmarködem ist ein struktureller Befund, doch das Schmerzempfinden entsteht im Nervensystem. Bei länger anhaltender Reizung kommt es häufig zu:
- Unsicherheit in der Wahrnehmung und Steuerung des betroffenen Bereichs
- veränderter Gelenkwahrnehmung
- Reflexen aus dem Gelenk, die Muskelketten hemmen oder überaktivieren
- Ausweichbewegungen in Knie, Hüfte oder Rumpf
Das heißt: Selbst wenn das Gewebe längst heilt, kann das Nervensystem weiter Alarm schlagen.
Der neurozentrierte Ansatz
Ergänzend zur ärztlichen Versorgung wählten wir einen mehrschichtigen Ansatz statt rein lokaler Arbeit:
1. Gezielte Sinnesreize
Kontrastreize wie weich und hart, warm und kalt, spitz und rund. Ziel: Schmerzhemmung über den sogenannten Gate-Control-Mechanismus und eine feinere Unterscheidungsfähigkeit der Wahrnehmung.
2. Elektrostimulation (TENS)
Gezielte TENS-Programme zur Schmerzmodulation. Kurzfristige Reaktionen wurden bewusst eingeplant und beobachtet – ein Reiz bedeutet nicht Schaden, sondern ist oft Teil der Anpassung.
3. Gelenkreflexe bewusst nutzen
Reize nah am Gelenk erhöhen kurzfristig die Aufmerksamkeit des Nervensystems. Genauso wichtig ist, diese Reflexe danach wieder aufzulösen – hier kamen neuroathletische Techniken wie Toe Pulls zum Einsatz.
4. Gleichgewicht, Augen und Atmung
Gleichgewichtsreize, Kopf- und Augenbewegungen sowie Atemübungen, um das Nervensystem in einen ruhigeren Zustand zu bringen.
Der Verlauf: Heilung ist nicht linear
Es zeigte sich ein typisches Muster: kurzzeitige Verschlechterung nach intensiveren Reizen, danach deutliche Verbesserung, zunehmende Belastbarkeit und schließlich Schmerzfreiheit im Alltag.
Schmerzfreiheit heißt nicht automatisch, dass sich das Nervensystem vollständig normalisiert hat – aber sie ist ein starkes Zeichen.
Wann ist man fertig?
Ob das Knochenmarködem vollständig abgeklungen ist, lässt sich nur über Bildgebung sicher beurteilen. In der Praxis hat sich bewährt:
- TENS nicht abrupt, sondern ausschleichend beenden
- das Nervensystem weiter über Bewegung und Training versorgen
- Eigenwahrnehmung und Belastbarkeit als wichtigste Marker nutzen
In diesem Fall konnte die TENS-Anwendung nach deutlicher Besserung schrittweise reduziert und schließlich beendet werden – ohne Rückfall.
Fazit
Schmerz ist selten nur ein lokales Strukturproblem.
Das Nervensystem hat großen Einfluss darauf, ob Beschwerden abklingen oder bleiben. Reize müssen gezielt gesetzt, aber auch integriert und wieder gelöst werden. Neurozentriertes Training bietet dafür einen Rahmen, um Heilungsprozesse zu begleiten, Rückfällen vorzubeugen und Bewegung wieder sicher zu machen.
Dieses Fallbeispiel beschreibt einen Einzelfall und ersetzt keine ärztliche Diagnostik.